Schichtwechsel
Schichtwechsel porträtiert die Industrielandschaft im amerikanischen Rust Belt – eine Region, die einst das Herz der Stahlindustrie war. Im Westen Pennsylvanias und entlang des Ohio Rivers erzählen teils stillgelegte Stahlwerke, rostende Automobile und leere Straßen von vergangenen Hochzeiten und neuen Realitäten.
Die Fotografien wirken wie Filmkulissen und erzählen heute von der großen Stille an Orten, die früher zum Schichtwechsel von Massen von Arbeitern belebt waren. Die Bewohner der Steel-Towns blicken stolz auf ihre Städte – doch es bleibt die Frage: Was kommt nach der letzten Schicht?
Einst industrielles Kraftzentrum, sind viele der ehemals florierenden Städte heute an den Rand der Wahrnehmung gerückt. Die Serie besteht aus sechs Dreiergruppen, die jeweils ein Fenster in eine Region des sogenannten amerikanischen Rust Belts und der angrenzenden Appalachen öffnen. Die Aufnahmen sind im Oktober 2024, kurz vor den US-Wahlen, mit einer analogen Großformatkamera entstanden und porträtieren Stimmungen, Orte und die Menschen, die sie bewohnen. Die Arbeit ist von der Frage geleitet, wie Menschen Räume erschaffen – und wie Räume Menschen prägen.
So beobachtete Rocky von seinem Schrottplatz in Mingo Junction das Kommen und Gehen von Hollywood-Filmteams, die sich vorübergehend für die Stadt am Ohio River interessierten. Pastor Foglio baut in einer alten, massiven Bankfiliale eine neue Covenant Gemeinde auf, während Robert – früherer Football-Star Weirtons – nach einem Leben in Kalifornien zurück in seinen Heimatort gezogen ist und nun im Ruhestand ehrenamtlich ein Museum betreut. Trucker Chuck lebt in einer Siedlung, umgeben von Kraftwerken, und würde – sollte er je nach Deutschland reisen – gern Amsterdam und Auschwitz besuchen.
Einerseits entspricht der frühere Manufacturing Belt unserem klassischen Verständnis von Peripherie: Abwanderung, Arbeitslosigkeit, urbaner Verfall. Durch die Biografie des heutigen US-Vizepräsidenten J.D. Vance (Hillbilly Elegy) ist die Region entlang des Ohio Rivers und der Appalachen jedoch wieder stärker in die amerikanische Selbstwahrnehmung gerückt – und steht nun gleichermaßen für Peripherie wie für gesellschaftlichen Brennpunkt. Die fotografische Serie versteht Peripherie nicht nur als Abgrenzung zum Zentrum, sondern als eigenständigen Raum mit Geschichte, Wandel und Identität.